Dont feed the snails!

Eine Frage beschäftigt Elisabeth und mich immer wieder: Wie gehen wir mit dem Weltschmerz um, der uns von Zeit zu Zeit überfällt?

Wir leben auf unserem Lebenshof zwar in einem kleinen Paradies. Aber auch hier können wir uns nicht völlig von all dem abschotten, was auf dieser Welt schiefläuft.

Vor kurzem war Nipun Metha wieder in Österreich um an den Geburtstagsfeierlichkeiten von David Steindl-Rast teilzunehmen. Im Zuge dessen nahm er sich Zeit für einen Abstecher nach Wien, um in einem kleinen Kreis seine inspirierenden Geschichten zu erzählen. 

Eine dieser Geschichten handelte von einem Gärtner in Japan, der gelernt hatte MIT der Natur zu arbeiten. Statt zu fragen: „Was kann ich hier gut anpflanzen?, fragte er zuerst: „Was wächst hier eigentlich gut?“ 

Das erinnerte mich an eine Erfahrung die wir im Zuge unserer eigenen Gemüseabenteuer erlebt hatten. 

Um unseren Lebenshof zu finanzieren, haben wir vier Jahre lang professionell Biogemüse angebaut. Die mit Abstand häufigste Frage unserer Kund:innen lautete:

"Was macht ihr gegen die Schnecken?"

Unsere Antwort sorgte regelmäßig für ungläubige Blicke:

"Nichts. Gar nichts."

Natürlich hätten wir Schneckenkorn streuen können. Das gibt es mittlerweile sogar in Bio-Qualität. Trotzdem wollten wir unseren Boden nicht belasten. Denn am Ende wächst unser Gemüse genau in dieser Erde.

Also haben wir die Schnecken einfach... Schnecken sein lassen.

Das Erstaunliche daran: Es gab bei uns keineswegs wenige Schnecken. Im Gegenteil. Rund um unsere Gemüsefelder standen hohe Wiesen – ein wahres Schneckenparadies.

Und trotzdem waren sie nur selten ein Problem.

Unser Fokus lag nicht auf den Schnecken, sondern auf den Pflanzen. Wir zogen kräftige Jungpflanzen selbst heran, setzten sie in gesunden Boden, verzichteten selbstverständlich auf Kunstdünger und bewässerten nur in den ersten Tagen nach dem Auspflanzen, bis die Wurzeln im wahrsten Sinne des Wortes im Boden „verwurzelt“ waren.

Dann passierte etwas, das unsere Besucher:innen regelmäßig zum Staunen brachte.

Unter fast jedem Salat fanden sich dutzende Schnecken im kühlen Schatten der Blätter. Doch den Salat selbst ließen sie in Ruhe.

Bis auf eine Ausnahme.

War eine Pflanze geschwächt – etwa weil ein Huhn oder eines unserer Schweine daran geknabbert hatte –, dauerte es oft keine 24 Stunden, bis die Schnecken sie vollständig aufgefressen hatten.

Ein anderes Mal pflanzten wir zwei Reihen Paprika derselben Sorte. Die Jungpflanzen stammten alle aus derselben Anzucht.

Die erste Reihe entwickelte sich prächtig.

Die zweite, nur wenige Meter entfernt, kümmerte vor sich hin. Warum, konnten wir nie eindeutig herausfinden. Vielleicht lag es am Boden. Zu lehmig? Zu viele oder zu wenige Nährstoffe? Wir wissen es bis heute nicht.

Was wir aber beobachten konnten: Die geschwächten Pflanzen wurden innerhalb kürzester Zeit von hunderten Schnecken bis auf den Stängel abgefressen.

In den folgenden Jahren wiederholte sich dieses Muster immer wieder.

Unsere Schlussfolgerung begleitet uns bis heute:

Du kannst nichts gegen die Schnecken tun.

Sie gehören zum System.

Aber du kannst dafür sorgen, dass deine Pflanzen stark und gesund sind. Dann verschwinden die Schnecken zwar nicht – doch sie werden kaum noch zum Problem.

Und wenn eine Pflanze doch einmal gefressen wird, lohnt sich vielleicht eine andere Frage als: "Wie werde ich die Schnecken los?"

Nämlich:

"Warum war diese Pflanze geschwächt?"

"Was braucht sie, damit sie wieder gesund werden kann?"

Genau darin steckt für mich auch eine schöne Analogie zum Weltschmerz.

Ich kann Kriege, Hass, Ungerechtigkeit oder all die schlechten Nachrichten dieser Welt nicht verschwinden lassen.

Sie sind da.

Sie gehören – so unerquicklich das auch ist – zu unserer Realität.

Aber ich kann dafür sorgen, dass ich selbst körperlich und seelisch gesund bleibe. Dass ich Zeit mit Menschen verbringe, die mir guttun. Dass ich die Zeit auf unserem Hof und den Tieren bewusst verbringe. Lache. Dankbar bin. Mich auf das konzentriere, was ich beeinflussen kann.

Die Schnecken verschwinden dadurch nicht.

Aber sie bestimmen nicht mehr mein Leben.

So stay healthy. And don't feed the snails. 🐌

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