Zwischen Hoffnung und Abschied: Amy unser Lama

Elisabeth: 19. Juli 2026

Amy kam zusammen mit Cyra im Herbst 2024 zu uns auf den Hof. Cyra war eine ehemalige Zuchtstute aus einem kleinen Betrieb, Amy ihre Tochter mit einer starken Beeinträchtigung der Beine. Vom Vorbesitzer erfuhren wir, dass sich Amy entweder bei der Geburt verletzt hat oder kurz danach. Sie hatte einen leicht schwankenden Gang, der manchmal mehr, manchmal weniger sichtbar war. Schmerzen hatte sie offenbar nicht – sie hatte einfach gelernt, mit ihrer Behinderung zu leben.

 

Die beiden brauchten eine Weile, um sich einzuleben. Die vielen anderen Tiere, vor allem die Schweine, machten ihnen anfangs Angst. Nach und nach schlossen sie sich jedoch unseren beiden anderen Lamas an und begannen, sich sichtlich wohlzufühlen.

 

Um sicherzugehen, dass es Amy trotz ihrer Behinderung gut geht, ließen wir sie von unserem Chiropraktiker untersuchen. Er bestätigte, dass das Knie offenbar schon vor langer Zeit mehrfach gebrochen war und man jetzt, in ihrem Alter, nichts mehr daran ändern könne. Er behandelte sie und richtete sie so gut es ging wieder ein, was Amy sichtlich genoss.

 

Mittlerweile ist Amy 15 Jahre alt und in den vergangenen Monaten merkten wir, dass sich ihr Gangbild verschlechterte. Trotzdem war sie auf dreieinhalb Beinen fast so schnell unterwegs wie die anderen Lamas. Sie lief selbst unsere steile Böschung hinauf und hinunter und stützte sich nur gelegentlich an einem Baum oder am Zaun ab. Zwischendurch ließen wir sie immer wieder von unserer Tierärztin kontrollieren, um auszuschließen, dass sie Schmerzen hat. Trotzdem war uns klar, dass sich ihre Behinderung mit zunehmendem Alter noch stärker bemerkbar machen würde. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Lamas liegt bei etwa 20 Jahren. Wenige Ausnahmen werden bis zu 30 Jahre alt.

 

Vor zwei Tagen trat dann das Befürchtete ein. Amy kam nicht zum Frühstück, zu dem sich alle Lamas normalerweise im Unterstand versammeln. Andi und ich suchten nach ihr und fanden sie in unserem kleinen Wäldchen, wo sie sich mit den Beinen zwischen den Bäumen verfangen hatte und nicht mehr aufstehen konnte. Andi holte die Handsäge und gemeinsam befreiten wir sie aus ihrer misslichen Lage.

 

Zunächst waren wir sicher: Jetzt ist es so weit, sie wird sich nicht mehr erholen. Aber Amy ist stark. Sie ruhte sich eine Weile im Schatten der Bäume aus und humpelte anschließend zum Unterstand, wo sie Heu und ihr Müsli fraß. Wir überlegten, was nun zu tun sei. Lamas sind ausgeprägte Herdentiere und Amy würde alles daransetzen, mit den anderen mitzulaufen. Da sie jedoch den restlichen Tag freiwillig im Unterstand blieb, machten wir uns keine Gedanken darüber, dass sie den Waldweg noch einmal hinauflaufen würde.

 

Das war ein Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Offenbar hatte sie in der Nacht erneut versucht, den Hügel hinaufzukommen. Bergauf ist grundsätzlich kein Problem, bergab wird es schwierig und sie verliert das Gleichgewicht. So fanden wir sie auch heute früh wieder zwischen den Bäumen. Wieder befreiten wir sie – mit Tränen in den Augen, weil sie offenbar Schmerzen hatte vom langen Liegen in derselben Position.

Was sollten wir tun? Die Tierärztin anrufen, um Amy zu erlösen? Die Entscheidung noch verschieben, bis wir wieder einen klaren Kopf haben? Sie im Unterstand einsperren, damit das nicht noch einmal passiert? Dann wäre sie allerdings einen Großteil des Tages von den anderen getrennt, die wieder den Berg hinaufwandern.

Die Entscheidung ist unglaublich schwierig.

 

Nachdem Amy ihr Frühstück mit gutem Appetit verdrückt hatte, fühlten wir uns auch wieder etwas besser. Sie stand wackelig auf und strebte erneut zum Wald, was wir in letzter Minute verhindern konnten. Deshalb haben wir sie nun auf den Pferdeberg gelassen. Dort halten sich die Lamas ebenfalls gerne unter den Bäumen auf, allerdings ist es dort nicht so steil und die Bäume stehen nicht so dicht. Zwei ihrer Lamafreundinnen, Caroline und Sissy, sind bei ihr. Dort scheint sie im Moment sehr zufrieden zu sein.

 

Wir wissen, dass das Ende absehbar ist. Dass Amy irgendwann gar nicht mehr gehen kann. Wir vertrauen darauf, dass es – so wie fast immer – ganz eindeutig sein wird, wann der Zeitpunkt gekommen ist, Amy gehen zu lassen. Bisher haben uns die Tiere immer sehr deutlich gezeigt, wann sie keine Kraft mehr haben. Jetzt ist dieser Zeitpunkt noch nicht da. Das hat Amy uns sehr eindeutig gezeigt. Und solange das so ist, versuchen wir, ihr das Leben so leicht und angenehm wie möglich zu machen.

 

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